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Begabung
Als er 3 Jahre alt war, machte sein Vater ihn zum ersten
Mal damit bekannt. Dem Jungen gefiel es, dass nach der Mutter auch der Vater
begann, sich für ihn zu interessieren. „Der Kleine stellt sich gar nicht so
dumm an!“ – meinte der Alte und seit diesem Tag wurde geübt. Immer länger
zogen sich diese Tätigkeiten hin. Nach Tränen versuchte die Mutter, den Vater
zu beschwichtigen, aber ohne Wirkung. Sichtlich wollte der Vater seine eigene
Erfolglosigkeit mit dem Jungen kompensieren. Strafe und Lob wechselten sich
ab.
Oft hörte er andere Kinder im Hof spielen. Mit 5 wurde er
erstmals einer kleineren Zuschauergruppe vorgestellt. Aber das Lampenfieber
und der durch die Erwartung seines Vaters entstandene Druck machten es ihm
unmöglich, zu konzentrieren. Damals wäre der Kleine am liebsten nicht nach
Hause gegangen.
Als er 10 war starb sein Vater und wochenlang
beschäftigte er sich nicht mit dem Traum des Alten. Seine Gedanken führten
ihn lieber auf den Hof zu den anderen Kindern, aber ihm fehlte die Fähigkeit,
sich mit ihnen zu verständigen. Er hatte den Anschluss verpasst. Weder die
Großen wollten etwas von seiner Kunst, noch die Kleinen etwas von seiner
Person wissen.
Nach einer Zeit begann er sich wieder mit dem Einzigen zu
beschäftigen, was doch 7 Jahre lang jeden seiner Tage bestimmt und ausgefüllt
hatte. Irgendetwas musste er doch machen, er konnte ja nicht tatenlos
herumsitzen. Langsam fand er wieder seinen Rhythmus. Seine Mutter die
eigentlich nichts davon verstand, engagierte einen Lehrer. Aber der war nicht
viel besser als sein Vater. Erfolglos, von Zweifeln geplagt und Komplexen
getrieben, nahm dieser sich seinem Schützling an. Von seinem Fach hatte der
noch irgendwie eine Ahnung, aber auf Kinder verstand er sich nicht.
Mit 17 Jahren war er fertig, oder besser, es gab in der
Umgebung keinen, der ihm noch etwas hätte beibringen können. Neugierig, aber
auch voller Angst ging er hinaus. Vielleicht würde die Welt doch an seinem
Können Gefallen finden.
Man, oder besser Frau begrüßte ihn herzlich, war er doch
ganz schön gebaut und in Gegenwart der Jugend fühlt sich das Alter wieder
frischer. Man/Frau reichte ihn von Hand zu Hand und versuchte seine
Schüchternheit abzubauen. Langsam wurde seine Schale weicher. Aber was für
ein Kern sollte sich darunter verbergen?
Dann gelang es endlich einer Vierzigjährigen ihm seine
Unschuld zu nehmen. Für sie war es ein wunderbares Gefühl, aber er konnte es
noch nicht genießen. Es war ihm unklar, worauf er achten müsse. Hätte er in
seiner Jugend so wenig gelernt? – war die Frage, die er sich immer wieder
stellte.
Er fühlte auch weiterhin nicht genau, wo bei der ganzen
Sache der Genuss hätte sein sollen, aber verstand sehr bald, dass daraus sein
Unterhalt und mögliches Vorankommen gesichert sein kann. Leute wurden ihm
vorgestellt, die entweder auf die gleiche Weise ausgehalten wurden und ihn
deshalb als Konkurrenz betrachteten, oder die sich in dieser Hierarchie der
Günste selbst von Fuß zu Fuß nach oben geküsst hatten. Selten ergab sich ein
Treffen mit einem eigenständigen Geist, von dem sich etwas hätte abschauen
lassen.
Es waren die Wellen, die beim Fall eines Steines in
stilles Wasser verursacht werden. Umso weiter die Kreise sich dann
entfernten, desto kleiner ist ihre Kraft. Aber im Unterschied zum
Wellenspiel, wo sich diese entfernen wollen, um ihren Ruhezustand
wiederzugewinnen, hängen die Ringe in dieser Hierarchie verzweifelt am
Ursprung der Bewegung. Die Zusammensetzung der Kreise gründet fast
ausschließlich auf Sympathie, wird aber durch Begriffe wie Begabung und Mode
ersetzt.
Dies waren seine Gedanken, wenn er allein war. Befand er
sich in Gesellschaft, blendete ihn, wie alle anderen, das Licht, um das in
der Nacht Insektenflieger schwärmen. Schaltet man es aus, suchen sie sich
nach einiger Verwirrung eine neue seeleneinflößende Quelle.
Bereichert durch diese Erfahrung fühlte er sich einmal
dem Dichter gleich, den die Athener den Spartanern statt Soldaten geschickt
hatten, um letztere im Kampf zu unterstützen. Die kriegerischen Spartaner
wussten nämlich damit, nichts anzufangen. Andermal überfiel ihn die
chekhovsche Angst der 3 Schwestern, einfach ein Ballast der Gesellschaft zu
sein. Er beruhigte sich das damit, nicht der einzige zu sein. Schließlich
hatte er ja genug Begabung dazu.
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Begabung
Sunday, 25 October 2015
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